Das erste Goetheanum, Dornach
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Kurzer Einblick

An dem Bau des ersten Goetheanums kann die Metamorphose-Idee auf verschiedenste Art und Weise studiert werden.

Zusammenfassend ist der gewonnene Schluss dieser Betrachtung, die befreiende Einsicht: unser Bewusstsein besitzt das Vermögen ein inneres, einheitliches Gestaltungsprinzip zu erkennen, dass sich nach Verwandlungsgesetzen immer wieder neu manifestiert. Das Gestaltungsprinzip für sich ist nur geistig erfassbar.

Damit ist der Weg offen um Beispiele aus dem Bau des ersten Goetheanums zu zeigen.

Der ganze Bau bestand aus einem grossen, breiten Sockel auf dem sich zwei zylindrische Baute erhoben, die einander durchdrungen. Der grosse Zylinderbau umschloss den Zuschauerraum, der Kleine die Bühne und beide Zylinder wurden oben durch Kuppeln abgeschlossen.

Rund herum gab es Fenster, nach Osten, Süden, Norden, Westen gab es Portale, sowohl unten im Sockel- wie im oberen Bereich.

Ein Bild dieses Baues gibt der Link: https://images.app.goo.gl/7V6GwB1MzSJDySB6A 

Stand man oben auf der breiten Terrasse des Unterbaues vor dem West-Portal, sah man rechts und links der Tore zwei kräftig-aufstrebende, säulenartige Gebilde, die sich oben in kraftvolle Formen aufschlossen und die gemeinsam einen grossen, weiten Raum freigaben. In diesem Raum hob sich ein Formprinzip aus der Wand, das im oberen Bereich das Portal breit umhüllte und das nach unten, nach rechts und links, zwei Gebilde hervortreten liess. 

Ging man auf der Terrasse herum zum Süd-Portal, gewahrte man eine ähnliche Gestaltung. Auch hier gab es die säulenartigen Gebilde rechts und links, aber das Formprinzip in dem oberen Raum war hier anders. Hier war der obere Teil in zwei sich ausbreitende Formgestalten umgeformt. Jede Gestaltung hatte auch die umhüllende Geste, aber sie war über Kreuz mit unteren Gebilden, die sich etwas in die Länge zogen, verbunden. Deutlich ist zu erkennen, dass wir es mit demselben Formprinzip zu tun haben, was wir beim West-Portal betrachteten. Je nach Lage metamorphosiert sich dieses Formprinzip.

Grosse Fenster waren in die zylindrische Wand eingelassen. Alle wiederum eingerahmt von säulenartig-aufstrebenden Gebilden, die oben in die Fassadenwand übergingen. Über jedes Fenster gab es auch hier einen grossen Raum und in diesem Raum erschien wieder das nun bekannte Formprinzip in verwandelter Gestalt

Wer eine noch andere Formverwandlung um die Fensterreihung am nördlichen Flügel sehen möchte, schaue sich das Bild mit dem folgenden Link: https://images.app.goo.gl/xuePdoqSzTqx5Kqp7 

Später will ich zu diesem Thema noch Skizzen hinzufügen, denn das Formprinzip, das wir nun kennengelernt haben, findet sich auch im Innenraum. Einmal erkennt man es wieder über dem Bühnenportal und noch einmal zeigt es sich ganz hinten auf der Bühne, wo es fast architrav-artig über den Bogen der letzten zwei Säulen erscheint.

An dem ersten Goetheanum wurde von 1913 bis 1922 gearbeitet. In der Silvesternacht von 1922 / 1923 war der Bau nahezu abgeschlossen. Dann wurde es in dieser Nacht durch Brandstiftung zerstört. Es brannte nieder bis auf die Grundmauern.

Bedenkenswert ist die Tatsache, dass dieser Bau anfangs des 20. Jahrhunderts gebaut wurde, in einer Zeit also, in der alles im Umbruch war (siehe Bildhauerei des 20. Jahrhunderts).

Die Idee der Metamorphose, die ich oben anhand des Motivs über dem West-Portal gezeigt habe,  zeigt die Metamorphose je nach Ort, wo es sich manifestiert.                                                    Im Saal (im Zuschauerraum) dieses Baues wurde auch eine Metamorphose sichtbar, die als ein Entwicklungsgeschehen angeschaut werden kann.

Leider ist in Bezug auf diesem Bau viel Mystizismus betrieben worden. Rudolf Steiner machte öfters Führungen im Goetheanum. Er betonte immer wieder, wie die Formen dieses Baues keine Allegorien oder Symbole darstellten und bat die Besucher die Formen einfach anzuschauen und auf sich wirken zu lassen. Dass viele Besucher trotzdem hinter den Formen etwas tief Mystisches suchten und man verstehen wollte, was sie darstellten, machte ihn betroffen. Man erwartete von Rudolf Steiner Erklärungen und verstand seine Aufforderung nicht, wie man das eigene künstlerische Empfinden sprechen lassen sollte (siehe: Literaturverzeichnis / Kunstgeschichte/ 4)

Was sich in diesem Bau an Kunstformen neu manifestierte, gründete in einem organisch-empfundenen Formwillen. Es waren keine Abbilder noch Gesetze der organischen Natur, sondern so wie die organische Natur ihre Formen nach der ihr innewohnenden Bildgestaltungsprinzipien immer wieder neu prägt, so prägte Rudolf Steiner seine Formen aus dem geistigen Ideenvermögen. 

Im Zuschauerraum stand ein Säulenkranz. Sieben Säulen zur rechten und sieben Säulen zur linken Seite. Diese Säulenreihen trugen von hinten nach vorne Kapitelle, deren Formen in Holz geschnitzt waren.

Rudolf Steiner arbeitete diese Formen in Plastilin-Modelle, wie er sie auch schon 1907 zum theosophischen Kongress in München entworfen hatte. 1907 war ein Zeichner (Karl Stahl) beauftragt, diese Entwürfe gross auf zweieinhalb Meter hohe Holzbretter zu malen. Da wurden sie als Bilder aufgehängt, im ersten Goetheanum dagegen wurden sie nun voll plastisch skulpturiert.

Mir geht es bei diesen Formen darum, die Umsetzung der Idee der Metamorphose zu zeigen. Deshalb habe ich die gezeichneten Bilder von Karl Stahl so getreu wie möglich abgezeichnet.

Die Reihenfolge 1 bis 7 ist dieselbe, wie im Zuschauerraum des ersten Goetheanums.

Für das erste Goetheanum entwarf Rudolf Steiner die Innenarchitektur neu in einem Modell:          Die Kapitelle des Zuschauerraumes, wie die Kapitelle des Bühnenraumes, die Architrave über alle Säulen und das Bühnen-Portal.                                                                                                            Es werden hier noch Abbildungen folgen (einige sind in "Google-Bilder" zu finden).

Die Säulen waren so gestaltet, dass sie einen fünfeckigen Schafft hatten, die Kapitellform war oben und unten begrenzt von einem Zehneck. Dazwischen gab es eine siebeneckige Trommel.

Wenn die Motive 1 bis 7 betrachtet werden, erkennt man als Motiv ein «Oberes» und ein «Unteres». Dieses Motiv ist in einer Wandlung begriffen. Von einem Einfachen wird es, zur Mitte hin, zu einem Differenzierten und metamorphosiert sich dann in der Folge wiederum vereinfachend

1. Oberes und Unteres stehen einander gegenüber und umspannen einen Innenraum.

2. Das Obere tritt kräftig hervor, schwillt an und bewegt sich nach unten. In der Wölbung oben ist in der Mitte etwas Keimhaftes entstanden, das sich nach unten neigt. Das Untere hat sich von der Kante zurückgezogen und in der Mitte gesammelt. Dort ist ein aufstrebendes Motiv entstanden, das sich nach oben aufschliesst.

3. Das Obere streckt sich weiter nach unten. Das Volumen ist leicht zurückgenommen. Dort, wo bei (2) etwas Keimhaftes entstanden war, dort hat sich ein kelchartiges Gebilde geformt, das sich hinunter senkt. Dem Untere ist das Aufstrebende genommen. Für mein Empfinden ist die Zurücknahme so stark, dass es wie ein «Altar» wirkt.

4. Hier verbindet sich das Obere und das Untere zu einer Einheit und diese Einheit trennt sich vom oberen Kapitellrand. Das ganze Motiv wirkt kraftvoll und erscheint prall in seinen Flächen. Ganz oben kündigt sich etwas Neues an, wirkt noch völlig unbestimmt.

5. Bedeutend wirkt hier die Zentralgestalt. Diese wirkt aufstrebend, bewegt, funkelnd, während sich oben kräftige, konvexe (tropfenähnliche) Formen gebildet haben.

Die Motive waren bis jetzt auf die sieben Flächen der Kapitelltrommel aufgetragen. Die Metamorphose zum 6. Motiv ist schwierig zu verstehen, wenn die Bildung der mittleren Form des 5. Kapitells völlig seitwärts gedacht werden muss und die obere kräftig, konvexe Tropfenform vom 5. zum 6. Kapitell von der Kante der Trommel auf die Mitte der Fläche wechselt. Rudolf Steiner gibt hier die Lösung, indem er sagt, dass bei den letzten zwei Kapitellen das Gesamtmotiv von der Fläche auf die Kante (5 zu 6) und von der Kante auf die Fläche (6 zu 7) wechselt.

6. Die oberen, konvexen Tropfenformen haben sich hinunterbewegt, sich aufgeschlossen und liegen nun mitten oben auf der Fläche und wirken gespreizt über den Raum, den sie sich «beschenkend» oder «ausstrahlend» zuwenden. Die untere Form hat sich aufwärts gestreckt (wie «gefaltete Hände»), liegt jetzt auf die Kante. Nach obenhin wirkt sei andächtig, nach unten in einer Einheit mit den anderen Formen verbunden, eine Einheit, die von der oberen Form «gesegnet» wird.

7. Wiederum wechselt das Motiv von der Fläche auf die Kante. Die obere «Blütenform» hat sich zurückgenommen, die untere Form hat einen Innenraum gebildet und schwingt in einer grosszügigen Bewegung aufwärts und hinunter. Eine Harmonie ist entstanden.

Viele Einzelheiten habe ich hier nicht angesprochen. Wer sich im Anschauen länger mit dieser Metamorphose befasst, wird vieles mehr entdecken.

(wird fortgesetzt)