Plastizieren 11. Klasse     
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Thema: Expressionismus, Komposition

Allgemeine Gesichtspunkte

In der 11. Klasse entwickeln die Schüler ein Verständnis für das Kompositionelle. Im Künstlerischen finden sie den Weg vom Impressionistischen zum Expressionistischen. Ihre Arbeiten werden "persönliche Erzeugnisse". Gerade in diesem Alter scheint es mir unbedingt wichtig, dass die Klasse weiterhin gemeinsam diesen Weg beschreitet. Vieles können sie nur von- und miteinander erleben. Die Behauptung: die Interessen der 11. Klasse werden individuell, also bieten wir sie einen individuellen Weg und machen aus den Kunstfächern Wahlfächer. Wer so denkt, setzt die Individualisierung gleich mit Wahlfreiheit. Man umschifft mögliche pädagogische Schwierigkeiten und lässt die irrige Auffassung zu "Freiheit ist Beliebigkeit" oder "in diesem Alter sollten die Schüler tun dürfen, worauf sie Lust haben." In meinen Augen ist die Allgemeinbildung immer eine Gemeinschaftsarbeit. Nach der Schule muss sich jeder Schüler sein Leben lang individualisieren. Die Schule verschläft aber den Sozialaspekt, wenn sie die Einmaligkeit der "Individualisierung in der Gemeinschaft" nicht sieht.

Plastizieren

Was ich im Folgenden schildere, ist nicht die Themen-Stellung der Werkepoche "Plastizieren". Es ist eine mögliche Aufgabestellung. In der elften Klasse habe ich verschiedene Themen bearbeitet, hier möchte ich ein Thema charakterisieren, jeder Lehrer soll sich aber sein eigenes Thema suchen.

Die Tugenden                                                                              Erste Doppelstunde

Zunächst muss untersucht werden, was eine Tugend ist. In einem Gespräch mit den Schülern schält sich bald heraus, was unter einer Tugend verstanden wird.

Es gibt viele Tugenden und es reicht, wenn zunächst drei oder vier Tugenden genauer angeschaut werden.

Eine Tugend hat man nicht einfach. Man kann sich nur darum bemühen, muss sie in sein Leben "einbauen" und damit leben. Zum Beispiel müssen Treue, Mut und Ehrfurcht sich erst durch das Leben verwirklichen. Es können Beispiele für diese drei Tugenden gesucht werden.

Sobald Klarheit über den Inhalt herrscht, wird es möglich an die plastischen Erfahrungen der 10. Klasse zu erinnern. Aber einem Künstler geht es nicht um die Zurschaustellung von Formgesetzmässigkeiten. Er benützt Formgesetze um ein inneres Anliegen äusserlich, sinnlich-wahrnehmbar, werden zu lassen.

Was der Kunst seit Jahrtausenden beflügelt ist: das "Sichtbar-machen vom unsichtbaren Erleben", es ist der Durst nach "der Anschauung" von rein geistig-erlebten Inhalten. Die Labung dieses Durstes finden wir in alle Kulturepochen wieder (die schlechtesten Ergebnisse dieses Ringens sind die Allegorien des Klassizismus).

Wie bringen wir rein geistige Inhalte, wie hier die Tugenden, zu formalen Ausdrücken?

Wir fassen die Tugend «Treue» ins Auge und fragen uns:

  • Wie gehen wir mit der Tonmasse um? Soll sie in die Höhe getrieben oder soll sie breit werden?
  • Wie ist es mit dem Schwerpunkt der Masse? Wo soll er liegen?
  • Wie ist es mit Symmetrie und Asymmetrie?
  • Wohnt eine starke Vitalität, eine innere Kraft in dem Volumen?
  • Wie ist die Flächengestaltung? Zeigt sie Bewegung? Verbirgt sie einen Rhythmus?
  • Welche Polarität spielt im Spannungsfeld vom Zentrum zur Peripherie?

Es sind mehr Beurteilungskriterien möglich. Alles entwickelte ich im Gespräch ohne Lehm bis eine gewisse Sättigung erlebbar wurde. Dann überliess ich den Schüler das Gestalten.

Beim Arbeiten ist es immer wieder möglich ein Zitat eines Bildhauers vorzulesen. Es geht dann darum kurz Distanz zur eigenen Arbeit zu nehmen und den Fokus auf etwas anderes zu richten. Hier als Beispiel ein Zitat von Henry Moore:

"Das ist es, was der Bildhauer zu tun hat. Ununterbrochen muss er danach streben, die Form in ihrer räumlichen Vollständigkeit zu denken und zu benützen. Er muss die Form einfach als Form erleben, nicht als Beschreibung oder als Erinnerung an etwas. Eine Skulptur muss ihr eigenes Leben haben. Sie soll dem Beschauer das Gefühl vermitteln, dass das, was er sieht, von organischer Energie erfüllt ist, die nach aussen drängt. Wenn eine Skulptur ihr eigenes Leben, ihre eigene Form hat, wird sie lebendig und expansiv sein. Sie wird stets den Eindruck erwecken, organisch gewachsen, durch Druck von innen heraus geschaffen zu sein."

Die letzten fünfundzwanzig Minuten nutzte ich dazu alle Arbeiten auf einem grossen Tisch in der Mitte des Raumes aufzustellen. Ich stellte die Frage, ob etwas Verwandtschaftliches in den Formen zu finden war und regte an, die Formen in Verwandtschaftsgruppen zusammenzustellen. Das gelang spontan. Dann fragte ich, ob auch Übergänge von einer zur anderen Gruppe denkbar war. Auch hier griffen die Schüler spontan ein, verschoben und ordneten die Formen neu.

Zuletzt wurde alles gut genässt und in Plastik eingepackt.


Erinnerungsübung                                                            Zweite Doppelstunde

Die Schüler wollten beim Hereintreten sofort ihre Arbeiten hervorholen. Ich hinderte sie daran und sagte: wir machen jetzt ein Experiment.

Ich forderte sie auf etwa soviel Ton zu nehmen, wie sie das letzte Mal benötigt hatten. Dann sagte ich, dass wir dieselbe Form noch einmal aus der Erinnerung aufbauen würden. Ich lenkte sie Schritt um Schritt, indem ich fragte: Wie war es mit der Aufrechte? Wie war es mit der Ausdehnung? Wie war der Bewegungsansatz? Usw. Sie waren bald in der Arbeit untergetaucht.

Als die Form wieder sichtbar geworden war, hielt ich sie an und forderte sie auf, die Arbeit vom letzten Mal auszupacken und daneben zu stellen.

Untersuchte man die beiden Formen und verglich sie miteinander, so verhielt sich die jetzt neu gearbeitete Form zur ersten (vorangegangenen) Form so, wie wenn die Erste aus der Zweite hervorgegangen war. Die zweite Form war bar von allen Verzierungen und Dekorationen. Die Zweite wirkte viel elementarer, viel echter, viel plastischer, wie wenn wir einen Schritt näher an die echte Form herangekommen waren.                                                                                                  Diese zweite Form haben wir dann zu Ende geführt.


Die weitere Arbeit

In den darauffolgenden Stunden arbeiteten wir neue Tugenden.

Dann kam bei einer Klasse die Aufforderung an mich: jetzt wählen wir selber eine Tugend und wenn wir sie gearbeitet haben, sagen Sie uns was es darstellt! Ich wusste nicht, wer was wählte. Es gab eine Auswahl von 12 Tugenden, die mittlerweile alle auf der Tafel aufgelistet waren. Es wurde intensiv und seriös gearbeitet, bis ich dann aufgefordert wurde, die Formen zu identifizieren.

Ich ging mit der Methode des Ausschliessens heran. Manchmal wurde eindeutig, um was es sich handelte, manchmal konnte ich zwei Tugenden gelten lassen.

Andere Möglichkeiten:                                                                                                                         Wie ich anfänglich sagte: jeder Lehrer muss sein Thema suchen. Ich habe hier nur ein Thema charakterisiert. Man kann hier auch die Temperamente oder andere Themen wählen. 

Ich möchte als Anregung drei Gestaltungen zeigen:

Hier "Treue"

Hier "Mut"

Und zuletzt "Ehrfurcht" ("Devotion")

Alles Entwürfe mit unfertig gearbeiteten Oberflächen. Es geht mir nur darum den Blick und die Phantasiefähigkeit zu lenken.