Plastizieren 10. Klasse Teil I    
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Ein kurzer Überblick

Eine Werkepoche von 4 bis 5 Wochen, 2 Doppelstunde pro Woche (16 bis 20 Lektionen)

Für die 10. Klasse habe ich eine Übungsreihe entwickelt. Übungen, die je nach zur Verfügung stehender Zeit  einzeln oder ineinander-überführend gemacht werden können.                                Erlebt soll werden wie eine bestimmte, plastisch-bildnerische Gestaltungskraft die Tonmasse ergreift und allmählich gestaltet. Dieser Gestaltungs-Vorgang muss konsequent durchgeführt und beobachtet werden, dann gewinnen die Schüler ein inneres, sicheres Empfinden für die plastisch-bildnerischen Gesetze.

Weil es mir dabei nicht um bestimmte Resultate geht (auch nicht um Zwischen-Resultate), zeige ich zu den einzelnen Übungen mehrere Bilder (Skizzen oder Fotos).                                                  

Beim Arbeiten mit den Schülern immer mal wieder anhalten und aufmerksam machen auf alles was im Raum entsteht. Vielleicht auf diese oder jene Auffälligkeit hinweisen oder auch Fragen stellen.

Hier alle Übungen in der Übersicht, später bespreche ich sie einzeln.

Übung 1 - komprimierende Kräfte                                                                                                          Übung 2 - bildnerische Kräfte im Umraum                                                                                              Übung 3 - sich selber "aufgenommen fühlen" von den "im Umraum pulsierenden" Kräften                Übung 4 - die unendlich weit-gespannten Flächen des Kristallinen                                                    Übung 5 - bildnerische Kräfte wirken im Innern, raum-verdrängend (organische Kräfte)                      Übung 6 - Orientierung im Raum: oben-unten, rechts-links, vorne-hinten (durch innewohnende                         Kräfte)                                                                                                                                     Übung 7 - Das Bewusst-Ergreifen des Umraumes durch die Form.


Übung I

Am Anfang werden möglichst ungeformte Tonklumpen angehäuft. Wenn man hier überhaupt von Gestaltung reden will, so darf lediglich das Auftürmen der Tonmassen als Gestaltung gelten. Ich habe dabei öfters an die Vorstellung eines Steinmännchens erinnert (die Steinmännchen, die man als Weg-Markierungen im Hochgebirge findet und die nur aus einer vertikalen Anhäufung von Steinen bestehen). Diese Anhäufung soll in der Höhe drei übereinander lagernden Fäusten nicht überschreiten (aber auch nicht sehr unterschreiten!). Ist diese aufgetürmte Tonmasse erreicht, kann mit der Bearbeitung begonnen werden.

Das Formen dieser Tonmasse soll so vor sich gehen, dass allseitig durch leichte Berührungen mit den Fingerkuppen (auch des Daumens) die Oberfläche leicht angedrückt (komprimiert) wird. Diese leichten "Drücker" sollen über die gesamte Masse möglichst zufällig verteilt werden. Erst nach und nach schliessen sie sich aneinander bis das Gesamtvolumen eingegrenzt ist. Überall folgen die Fingerkuppen die zufällig vorgegebene Oberfläche und sollen dabei stets radial (senkrecht) auf die Fläche aufsetzen.

Bei dieser Tätigkeit sind zwei Beobachtungen möglich.

Nachdem ich vielleicht zwanzig, dreissig solche Drücker ausgeführt habe, bemerke ich wie die Hand in eine ruhig-pulsierende Tätigkeit übergegangen ist. Sie hat eine "Autonomie im Andrücken" erlangt. Diese Erfahrung ist nicht neu: beim Gehen mögen wir zunächst bewusst den einen Fuss vor den anderen stellen, ein kleines Kind muss das noch üben. Das Gehen wird aber völlig autonom. Wenn wir einmal gehen können, wird unser Blick frei die sich verändernde Umgebung zu schauen. So wird bei dieser plastischen Tätigkeit mein Blick frei für das Ganze, er beobachtet die fortschreitende Veränderung, die die Tonoberfläche durch meine Tätigkeit erfährt. Mein Bewusstsein erfasst die einheitlich sich schliessende, nach aussen und nach innen kontinuierlich sich wölbende Oberfläche und diese löst in mir Empfindungen aus. Empfindungen, die ich kennen lernen muss.

Weiter habe ich Material-Erfahrung gewonnen. Nach einer Weile kenne ich den Widerstand dieser leicht verformbaren Tonmasse. Die Fingerkuppen dringen nicht mehr unkontrolliert in die weichen Tonmasse ein oder hinterlassen Höhlungen.

Die Fläche grenzt nun, wie eine Haut, das Gesamtvolumen ein und ich erlebe die räumlich zufällig hervorgerufene Gestalt. Eine Gestalt, die am Anfang (bei der ungeformten Tonmasse) nicht zu erahnen war, aber nun ist sie sichtbar geworden.

Auch wenn ein Teil der Form mir abgewandt ist, kenne ich die Oberfläche der abgewandte Seite, denn sie ist mir eine vertraute Landschaft geworden. Sie wirkt gestrafft, geheimnisvoll, lebendig und kräftig.

An gewissen Stellen werden wir uns bei dieser Arbeit entscheiden wollen, wie wir die zufällig gegebene Oberfläche ändern, denn es können Höhlungen, Risse, spröde Stellen vorkommen, die es gilt umzuformen. Zuletzt arbeiten wir an dem Gesamtbild und gestalten es frei nach unserem eigenen Empfinden (siehe Zitat von Henry Moore hier unten)

Was wir uns erarbeitet haben ist ein Weg von reiner Zufälligkeit zur Notwendigkeit. Wir haben ein Verhältnis gewonnen zu dem elementarsten Organ der Plastik: die Fläche.




Wenn der Blick für die Gesamt-Form frei geworden ist, kann ein Zitat von Henry Moore hilfreich sein:

"(....) Ich verändere Teile während der Arbeit, weil sie mir nicht gefallen, und ich hoffe, sie würden mir dann eher zusagen. Die Art der Änderung ist nicht überlegt; ich sage mir nicht: das ist zu gross oder zu klein. Ich blicke es einfach an, und wenn es mir nicht gefällt, ändere ich es. Ich arbeite nach Gefallen oder Missfallen und nicht genau nach Logik, nicht Worten entsprechend, sondern der Zufriedenheit mit der Form. Nachher kann ich es erklären oder Gründe dafür finden, das ist aber eine nachträgliche rationale Deutung des Vorfalls. (...)"

(Siehe Literaturverzeichnis)

Übung II

Umraum gestalten








Mit den nebenstehenden Skizzen möchte ich auf den nicht wahrnehmbaren Umraum aufmerksam machen. Ich habe diese Skizzen ohne Vorgabe spielerisch entwickelt, damit verständlich wird wie eine Konkav-Fläche und wie Kanten zwischen den Flächen entstehen können.

Wenn die Form der Übung I sich eignet, kann die zweite Übung auch unmittelbar aus der Ersten erfolgen. Wenn die zweite Übung aber neu gemacht wird, ist es vorteilhaft hierfür eine andere Ausgangssituation wählen.

Sieben etwa faustgrosse, kugelige Tonklumpen müssen vorbereitet werden. Der Ton soll homogen (gut durchgeknetet) und nicht zu hart sein.

Die sieben Tonklumpen werden wie ein Steinmännchen aufgetürmt. Es können drei, es können auch bloss zwei die Basis bilden. Die Tonklumpen müssen solide gefügt sein, dürfen sich leicht verformen und müssen einander halt geben (kein labiles Gleichgewicht).

Es spielt keine Rolle auf welche Art die Klumpen gefügt sind.

Wiederum ist zunächst das erste Arbeitsziel die geschlossene, kontinuierlich verlaufende Oberfläche des gesamten Volumens zu schaffen. Da die Fugen bei kugelförmigen Tonklumpen meist aus schmalen, engen Ritzen bestehen, werden wir unwillkürlich das Bedürfnis haben, den Ton (leicht mit den Fingerkuppen rutschend) in die Rillen zu schieben. Wir sollen nun diese "Rutscher" auch bewusst ausführen, denn sie bilden eine völlig neue Bezugnahme zu dem Werkstoff. Ob ich die Oberfläche leicht drücke (oder presse) ist etwas völlig anderes als wenn ich über sie hinweggleite.

Diese neue bildnerische Tätigkeit erfährt eine Steigerung, wenn wir nicht einfach nur so in die Rillen hineinrutschen um sie auszustopfen, sondern wenn wir versuchen hinein- und auch wieder hinauszurutschen. Es wird sich bald eine nach innen geschlagene Wölbung bilden und das Bedürfnis wird sich einstellen (wenn es sich nicht schon von selbst ergeben hat) eine solche Bewegung mehrmals an der gleichen Stelle zu wiederholen. Die Tätigkeit nimmt sich aus wie ein "Schlecken", wie ein sich wohlfühlendes Einschmiegen in die entstandene Kurve.

Jetzt versucht man möglichst viele solche Rutscher zu machen. Die zunächst unwillkürlichen Bewegungen sollen über die nach innen geschlagene Wölbung (konkave Wölbung) hinaus vergrössert werden. Die Bewegung wendet sich dann und es entsteht eine nach aussen geschlagene Wölbung (konvexe Wölbung).

Alle Bewegungen können jetzt miteinander verbunden werden. Wir aktivieren unsere Phantasie und lassen sie frei ordnend in das Geschehen mitwirken.

Zweierlei soll dabei beachtet werden.

Die nach aussen und nach innen schwingenden Bewegungen haben eine Eigendynamik. Es ist kein gleichmässiges Strömen um die entstehende Form herum. Es ist ein Schwingen und in diesem Schwingen erleben wir an gewissen Stellen eine Beschleunigung, an anderen Stellen eine Beruhigung. Für die Phantasie pulsiert die Bewegung. Das ist das eine.

Weiter ist die Bewegung für die Empfindung nie wie ein gleichmässig breites Band. Wir entdecken bald, dass sie sich an gewissen Stellen weitet, an anderen Stellen sich verengt. Dieses "Sich Breiten" und "Sich Verengen" soll im weiteren genauso beobachtet werden, wie die oben geschilderte Pulsation.

Man versuche sich zuletzt ein klares Bild von dieser - um die Form - schwingenden Bewegungsgestalt zu machen.

Wir haben eine - im Umraum wirkende - Gestaltungskraft kennengelernt. Eine Gestaltungskraft, die zwar für das Auge unsichtbar ist aber dennoch die gesamte Form einhüllt und ihre pulsierende, sich weitende und sich verengende Tätigkeit an der Oberfläche ablesbar eingeschrieben hat. 

Zum Bild oben: Es sind fünf Kugeln abgebildet. Auch mit fünf statt mit sieben lässt sich diese Übung machen. 

Bild oben: Hier waren es sieben Kugeln. Hier hat die Bewegung im Umraum die Flächen zwar gespannt, sie hat sich aber noch viel zu wenig in den Stoff eingegraben.                                      Bild unten: Bei diesem Gestaltungsvorgang waren auch fünf Kugel die Grundlage.

Übung III

"Ganz im Umraum leben"

Bei dieser Übung sollen die gewonnen Kenntnisse der vorhergehenden Übung angewendet und die Erlebnisfähigkeit gesteigert werden.

Vorbereitung: Für diese Übung brauchen wir ein grosses, stabiles Brett (70 X 70 cm). Dieses Brett soll vertikal vor uns aufgestellt sein (etwas höher als Brusthöhe) und solide befestigt sein. Wir müssen stehend vor diesem Brett arbeiten können. Weiter brauchen wir:

- eine gehörige Menge von gut durchknetetem, homogenem Ton

- eine dünne Plastikfolie um die Tonarbeit abzudecken.

Da wir in Relief arbeiten, muss der Ton gut auf dem Untergrund haften. Dass tut er auf unbehandeltem Holz, auf einer mit Kunstharz angestrichenen oder beschichteten Holzfläche oder auf einer Novopanplatte.

Bevor wir den Ton auftragen nässen wir die Reliefplatte mit einem in Wasser genässten Tonklumpen, es bleibt dann ein feiner Schlamm-film auf der Fläche zurück. Dann wird ein etwa kreisrunder, zwei fingerdicker Tonschicht aufgetragen. Grobe Risse und Fugen werden mit den Fingerkuppen verstrichen.

Wenn sich unbeabsichtigt leichte Erhebungen und Vertiefungen in der Tonfläche ergeben haben, können wir diese im Weiteren nutzen. Ist die Fläche nahezu plan geraten, so bilden wir - planlos - leichte konvexe und konkave Wölbungen, so, dass ein Spiel von Erhebungen und Vertiefungen entsteht.

Jetzt konzentrieren wir uns auf den Umraum (der Raum darin wir als Gestalter stehen) und veranlagen Bewegungsabläufe entsprechend der Übung II. Die Oberfläche soll dadurch in einen grosszügig gedehnten Rhythmus zum Schwingen gebracht werden (keine kurzatmigen, kleinen Wellen bilden).

Jetzt sollen die Bewegungsabläufe im Umraum derart gesteigert werden, dass die Bewegung nicht mehr identisch mit der Oberfläche ist. Wir gehen also über das blosse "Rieseln" oder "Fliessen" an der Oberfläche des Reliefs hinaus und bilden ein in den Umraum sich fortsetzendes Schwingen. Dabei müssen wir die Bewegung über die sichtbar gestaltete Fläche hinaus verfolgen können und auch dort gestalten, wo nichts zu sehen und wo nur Bewegung ist!

Da der uns zugewandte Raum - darin wir selber als Gestalter stehen - zur unsichtbaren Plastik wird, ist es uns möglich die Bewegungen, die Wendungen und Schleifen, die zu dieser Plastik gehören genau zu kennen. Ja, beim Entwerfen dieser Raumform müssen wir es zustande bringen alle ihre Teile überschaubar und nachvollziehbar vor uns im Bewusstsein zu haben. Am besten verzichten wir auf eine Vielfalt, vereinfachen das Mannigfaltige lieber, als dass wir unsere Orientierung verlieren.

Wenn die Schwingungsgestalt dieser Raumform uns vertraut geworden ist, werden wir sie auch frei handhaben, können auch nach Belieben Ton aufsetzen oder wegnehmen.

Die letzte Steigerung dieser Übung besteht nun darin, diese Raumgestalt auszudehnen und zwar derart, dass wir letztlich ganz von ihr umschlossen sind. Ihre Bewegungen und Schwingungen hüllen uns ganz ein, gehen unter uns hindurch, wenden sich hinter unserem Rücken, strömen über den Kopf. So, wie wir von den Klängen einer Symphonie ganz eingehüllt werden, wenn der Raum zum Klangraum wird, so sind wir hier nicht von Klängen, sondern von gestaltenden Bewegungen, Rhythmen und Pulsierungen umhüllt.

Gelingt es uns die geschilderten Empfindungen real zu erfahren, so erleben wir uns wie ein Magier. Einer neuen, beglückenden Schöpfertätigkeit sind wir fähig geworden.

Auf dem unten stehenden Bild habe ich einen Bewegungsablauf zeichnerisch "konstruiert" und die Wirkung auf die Tonplatte angedeutet. Besser ist es die Phantasie anzuregen. Der fachkompetente Kunstlehrer wird das ohne Bild schaffen.

Dieses Bild ist nicht ganz passend: man würde eine Reliefarbeit erwarten. Doch zeigt dieses Bild die mögliche Dynamik, die im Umraum entfaltet werden kann.  


Zusammenfassung Übung I bis III

Die gesammelten Erfahrungen der vorangegangenen Übungen öffnen den Blick für Gestaltungskräfte, die den Stoff von aussen formen. Naturformen, die durch solche Kräfte entstanden sind, wie auch Kunstwerke, die nach diesem Prinzip gestaltet werden, wecken in uns Empfindungen, die uns früher nie so bewusst waren.

Wir schauen in die Höhlung eines Gletschertopfes und erkennen wie die Form und die Steinstruktur keine Übereinstimmung haben. Die Konkavflächen sind über Jahrhunderte in das bestehenden Grundgestein eingeschliffen. Wir erkennen den gewaltigen Wasserstrudel, der diesen Hohlraum durchgetobt haben muss, können die Wucht an der Oberfläche nachempfinden.

Wir nehmen einen rundgeschliffenen Stein aus dem Bachbett und sehen wie die Schichten der Steinstruktur nichts mit der konvex gespannten Fläche zu tun haben. Wir stellen fest, dass die Gestaltungskräfte von aussen den Stoff nicht nur aushöhlen. Sie können ihn konvex wie konkav formen, kurz alle Gestaltungen sind vom Umraum her möglich. Hier lassen sich unzählige Beobachtungen machen.

Aareschlucht                 Aareschlucht                    Kemptnertobel (ZH)             Grimselpass