Plastizieren
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Erlebnisse mit Schülern

Plastizieren, ... wozu?

(ein Bericht von Hans van der Heide in den "Mitteilungen" der Rudolf Steiner Schule, Wetzikon, Weihnachtsferien Januar 2001)

Vorurteile

Urteile wie "die Kunst gehört zum Sektor der Unterhaltung; die Kunst ist eine Verschönerung des Lebens, eine Dekoration oder Verzierung ohne die sich ebenso gut leben lässt", sind weit verbreitet. Oft sind sie zudem getragen von bestimmten Empfindungen. Empfindungen, die ich mir eigentlich recht wenig bewusst mache. Diese entstammen Alltags-Erfahrungen wie etwa dem Singen in der Badewanne, dem Freihandzeichnen beim Telefongespräch. Warum singt er? Warum zeichnet er? Er muss ja gar nicht, er ist nicht dazu aufgefordert! Warum tut er es dennoch - weil er eben Freude daran hat!

Weil ich mich freue, weil ich Lust habe und weil ich diese Lust stillen kann oder weil ich einfach in der Stimmung bin: ja, dann singe ich halt oder zeichne und tue manch andere Sachen unaufgefordert zur völlig ungewohnten Zeit.

Was ist es, was mich zu diesem Tun veranlasst? Was ist es, was mich andererseits auch zum Nichts-Tun oder zum Schweigen veranlasst? Sie haben es oben richtig gelesen und werden mir zustimmen: es ist die Stimmung, worin ich lebe ..... oder anders ausgedrückt: es ist meine eigene, persönliche Befindlichkeit.

Gehe ich von dieser gewonnenen Einsicht aus und füge die logische Konsequenz hinzu (sie wurde mir schon von Schülern entgegengehalten), dann komme ich zur folgenden Frage: "Wie kann ich als Schüler stundenplanmässig, das heisst auf Befehl, am Mittwochnachmittag, um 15:00 Uhr, Lust haben Kunst auszuüben?"

Die direkte Verknüpfung der Kunst mit Lust, Stimmung oder Freude und die sichere Überzeugung, dass die Eigenbefindlichkeit die Voraussetzung für die künstlerische Betätigung bildet, macht uns darauf aufmerksam, dass unsere Beziehung zur Kunst offensichtlich eine besondere ist und nicht eine allgemeine, sondern eben eine sehr persönliche; eine Beziehung, die, sobald wir sie eingehen, uns sofort auf uns selber aufmerksam macht. Wie unvermittelt wir dadurch eigentlich blossgestellt werden, ist ja fast peinlich. Doch seien wir beruhigt: weil es für jeden gilt, dürfen wir es nicht persönlich nehmen!

Warum ist das so?

Wenn ich ein Konzert höre, einen Roman lese oder ich eine Ausstellung besuche und wegen Kopfschmerzen oder irgendeines Seelenkummers den Inhalt nicht richtig aufnehmen kann; immer dann verhindert mich meine Eigenbefindlichkeit an der Aufnahme. Bei ungenauer Beobachtung schimpfe ich vielleicht auf die Umstände oder meine gar, das Konzert sei blöd, der Roman stumpfsinnig und die Ausstellung langweilig. Wenn ich aber den Zusammenhang sorgfältig prüfe, muss ich mir eingestehen, dass ich enttäuscht worden bin, enttäuscht aus dem Grunde, dass die Eindrücke nicht stark genug waren um die Schranken meiner Eigenbefindlichkeit zu durchbrechen. Ich muss doch zugeben, dass sich Adjektive wie "blöd", "stumpfsinnig", "langweilig" besser eignen meine eigene Empfindung wieder zu geben, als Kunstinhalte treffend zu charakterisieren.

Wo liegt die Klippe?

Eine direkte und objektive Verständigungsmöglichkeit über Kunst ist nicht ohne weiteres gegeben. Die blosse Registrierung von Kunstobjekten ergibt noch kein Kunstverständnis. Erst wenn ich über die blosse Kenntnisnahme hinaus anfange die Kunstwerke zu erleben, gewinnen sie Bedeutung für mich. Ohne mein eigenes Erleben - ohne meine aktive Beziehungs- und Anteilnahme - hat Kunst keinen Sinn.

So bringt mich die Kunst zur Einsicht, dass in logischer Konsequenz die Eigenbefindlichkeit meiner Empfänglichkeit oft Schranken setzt. Bleibe ich bei meinen Seelenstimmungen stehen, kann ich mich vielleicht "ausleben", die Aufnahme von Eindrücken aber ist erschwert. Die scheinbare Voraussetzung, Lust haben zu müssen, wenn ich Kunst geniessen oder ausüben will, ist zur Falle geworden.

Schulungsweg

Für die seelische Beobachtung von Vorgängen der geschilderten Art bietet die Bildhauerei ein besonderes Übungsfeld. Die Plastik, die Skulptur schweigt. Ich kann an ihr vorübergehen oder kann sie anstarren, sie bleibt unveränderlich, scheint in ihrem formalen Ausdruck gleichsam erstarrt, in ihrer Erscheinung gebannt. Nichts veranlasst mich, mich um sie zu kümmern oder auf sie zuzugehen.

Ich werde mir bewusst, dass ich zur Plastik ohne mein inneres Zutun, dh. ohne meine innere Aktivität und Phantasie, gar keinen Zugang finde.Ich bin gezwungen, andere als gewohnheitsmässige, mentale Fähigkeiten zu mobilisieren und zu schulen.

Welche Aktivität und Phantasie sind es, die mir abverlangt werden?

Ich sagte schon, die Skulptur ist erstarrt. Der Künstler kennt dieses Erlebnis: Im künstlerischen Prozess kommt er zu dem Punkte, wo er merkt: Jetzt kannst du nicht weiter, es ist alles da, der Prozess ist abgeschlossen. Er fühlt sich plötzlich ausgeschlossen, eine Trennung hat sich vollzogen: Hier bin ich, dort die vollendete Form. Auch Schüler bringen dies zum Ausdruck, wenn sie plötzlich ausrufen: "ich bin fertig!" Das Erleben ist so evident, wie wenn ich aus dem Traumzustande in das Wachbewusstsein eintrete: Ich falle aus dem Prozess heraus und "er-wache.

Was ist geschehen? Ich bin Beobachter geworden, was ich geschaffen habe, gehört der Vergangenheit an, dasjenige, womit ich innerlich verbunden war, ist plötzlich Aussenwelt geworden. Als Künstler weiss ich, was ich zu tun habe: Ich muss einen völlig neuen Bezug zur Form aufbauen, vom Produzenten muss ich zum Krititker werden. Bin ich darin ungeübt, dann kann es sein, dass ich hilflos dastehe, ich bin isoliert vom Geschehen, kann mich höchstens abwenden.

Was muss ich tun? Bildlich gesprochen, sage ich den Schülern oft: "Deine sichtbar gewordene Form gleicht einem Instrument. Sie ist in ihrer Gestalt vollendet und du sagst mit Recht: sie ist fertig. Aber sie ist fertig, so wie eine Geige oder ein Cello fertig ist. Bevor ich das Instrument spielen kann, werde ich es stimmen müssen. So ist es auch mit deiner Form. Du musst anfangen, sie prüfend anzuschauen, du musst fragen: Wie ist ihre Aufrechte, wie ist der Bewegungsansatz, wie der Bewegungsablauf? Wie ist die Fläche gestaltet, ist sie prall, ist sie spröde, ist sie glatt und ruhig? Wie sind die Proportionen, sind sie ausgewogen, gibt es Spannungsverhältnisse? - Und überall werde ich mich fragen müssen, ob eine Steigerung der Aussagekraft möglich oder eine Zurücknahme notwendig ist.

Sagte ich nicht eben, die Plastik erscheint erstarrt oder gebannt in ihrer Form. Sind nach allem, was ich geschildert habe, die Worte "erstarrt" und "gebannt" noch zutreffend? Erlebte ich in dem Gestaltungsprozess eben noch einen ganz klaren Bewegungsablauf, so darf ich nun nicht mehr von einer Erstarrung sprechen. Ich schlage vor, im Weiteren den Ausdruck "geronnen" zu wählen. Denn wenn die Plastik aus dem Bereich des Lebendigen gearbeitet ist, steht sie immer an der Schwelle von der toten Erscheinung zu dem Bereich der lebendigen Gestaltungskräfte. Die Plastik weckt beim Betrachter den Schein, als ob Leben im toten Material schlummere. Will er diese Kräfte erleben, so muss er seine Aktivität und Phantasie auf diese lebendige Welt richten. Er muss von der äusseren Erscheinung zu dem Prozess finden, in dem die Form ihren Ausdruck bekam, betrachtend muss er die geronnene Form entzaubern und muss vordringen zu den in ihr waltenden, treibenden Kräften. So suche ich in dem Gewordenen das Werden; in dem Offenbaren, das Geheimnis der verborgenen Gestaltungskraft. Die Form wird zur Partitur, sie fangt an sich in mir auszusprechen.

Fragen wir uns jetzt noch einmal, was aus unserer Eigenbefindlichkeit geworden ist! Es gibt keinen anderen Weg, als dass ich mich bei diesen Übungen vom einengenden Kurs meiner Eigenbefindlichkeit befreie. Bleibe ich von ihr abhängig, so spiegelt mir die Aussenwelt doch nur meine isolierte Gefühlswelt. Ich bleibe bei dem stehen, was ich bereits kenne und in mir entwickelt habe, und komme nicht über mich selbst hinaus.

Es bleibt mir keine andere Wahl, als den Motivationsschub, der mir den Zugang zur Plastik ermöglichen soll - die Aktivität und die Phantasie, die mir abverlangt werden - selber zu erzeugen. Von aussen können mir diese Kräfte nicht dargereicht werden. Ich muss lernen, von der passiven Wahrnehmung -von der blossen Kenntnisnahme und Registrierung der äusseren Erscheinung- durchzustossen zu den produktiven, erzeugenden Kräften. Das ist eine der Bedingungen, deren Erfüllung bei der Kunstbetrachtung und bei der Kunstschöpfung geübt werden. Ohne sie macht Kunst keinen Sinn.